Wandern auf dem Grat – Führung multinationaler Teams

Internationale TeamsMultinationale Teams mit Mitgliedern aus unterschiedlichen Kulturen sind extrem spannend und bedeuten eine Herausforderung für die Teamleitung. Tabus, berufliche Motivation, Erwartungen an die Teamleitung, die bevorzugte Art des Arbeitens – all das unterliegt kulturellen Einflüssen. Hinzu kommt die Sprache als Instrument der Binnen-Kommunikation. Für eine Reihe von Teammitgliedern wird die im Unternehmen gesprochene stets Fremdsprache sein. Die Führung multinationaler Teams ist keine einfache Aufgabe. Aber vielleicht gerade deshalb reizvoll?

Eigene Denkmuster sind nie die einzig gültigen

In Österreich oder Deutschland wird öfters das Bild vom teamfähigen Querdenker als vielleicht effektivstes Mitglied eines Teams gepflegt. Er „denkt mit“, sagt nicht stets „ja“, äußert auch einmal Kritik in der Team-Besprechung. Vielen Chinesen ist dieses Denken fremd. Sie gehen weitaus sparsamer mit Kritik um und bevorzugen das Vier-Augen-Gespräch, wenn sie dennoch etwas zu kritisieren haben. „Ja-Sager“ lautet dann bisweilen das harte Urteil einer österreichischen Teamleitung über asiatische Mitarbeiter und scheinbare Schwächen der Angestellten verdecken den Blick auf die Stärken, von denen das Team profitieren könnte. Das wäre schlecht. Als neuer Teamleiter eines multinationalen Teams sollte man sich deshalb als führende und zugleich lernende Person verstehen. Das gilt auch für erfahrene Teamleiter, die bisher jedoch nur mit nationalen Teams konfrontiert wurden. Die Aufgaben sind nur auf den ersten Blick gleich. Man wird etwa Unterschiede der Kulturen in Bezug auf Motivation und Führungsstil berücksichtigen müssen:

  • Motivation: Auf die Frage, welche Eigenschaften ein interessanter und herausfordernder Job für sie hat, antworteten die Befragten einer aktuellen Studie von Kelly Services tendenziell ähnlich. Dennoch zeigten sich im Detail Unterschiede. Interessantere und herausfordernde Arbeit zu bekommen, war Bkefragten aus der EMEA Region (Europe, the Middle East and Afric) noch viel wichtiger als Befragten aus dem amerikanischen oder dem asiatisch-pazifischen Raum. Asiaten betonten dagegen höheres Einkommen sowie eine bessere Work/Life-Balance besonders stark.
  • Führungsstil: Eine Studie des deutschen geva Instituts aus dem Jahr 2009 zeigte bei den Befragten Arbeitnehmern aus 25 Ländern deutliche Unterschiede bei Antworten auf die Frage, welchen Führungsstil von Chefs sie bevorzugen. Während etwa Schweden auch vom Chef ein teamorientiertes Miteinander erwarteten, bevorzugten Spanier eine eher autoritäre Führung.

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In multinationalen Teams kann es kulturell bedingte Unterschiede im Umgang mit Deadlines geben, bei der Bedeutung von Pünktlichkeit, beim Wunsch nach persönlichen Beziehungen und in vielen, vielen anderen Bereichen. Als Teamleiter wird man damit umgehen und viel Gewohntes in Frage stellen müssen.

Die Rolle der Sprache

Sprache ist nicht nur in multinationalen Teams eine Quelle möglicher Missverständnisse. Als etwa die Ex-Eiskunstläuferin Katharina Witt als Jurorin einer britischen Eistanzshow eine Kandidatin als „big“ bezeichnete, sorgte ein Sprachproblem für einen Eklat. Frau Witt wollte darauf hinweisen, dass die Kandidatin als große Frau eher nicht für Hebefiguren geeignet ist, wählte dafür aber das falsche Wort. Für Briten bezeichnete sie die Kandidatin als „zu dick“. Das ist nur ein Beispiel dafür, wie Sprache Konflikte initiieren kann. Was lernt man daraus? Sprachliche Kompetenz ist wichtig, die im Rahmen sprachlicher Trainings vermittelt werden sollte. Aber Mitglieder multinationaler Teams sollten auch darin geschult werden, den Toleranzspielraum in Bezug auf sprachliche Äußerungen Anderer zu erweitern. Als schroff oder beleidigend empfundene Äußerungen müssen nicht zwangsläufig aus voller Absicht entstehen, sondern können bisweilen auch Ausdruck einer nicht perfekt beherrschten Sprache sein. Die Sache ansprechen, aber nicht sofort beleidigende Absicht vermuten, könnte eine passende Reaktion sein. Bestenfalls werden sowohl das multinationale Team als auch dessen Leitung auf ihr Miteinander geschult. Teambuilding-Events und Management-Training für die Teamleitung können dazu beitragen, Konfliktpotenziale zu minimieren.

Allgemeines darf nicht Konkretes ersetzen

Es ist die vielleicht wichtigste Lektion in der Führung multinationaler Teams, die man zu lernen hat. Internationale Studien dürfen genauso wenig wie dieser und vergleichbare Texte den Blick auf das konkrete Team ersetzen. Wenn eine internationale Studie etwa 2009 aussagt, dass spanische Mitarbeiter allgemein eine autoritäre Führung bevorzugen, heißt das a) nicht, dass das 2012 in Spanien ähnlich ist. Kultur ist stetigem Wandel unterworfen. Und es bedeutet b) auch nicht, dass ausnahmslos alle Spanier autoritäre Führungsstile bevorzugen. Kultur ist ein prägendes Element in Bezug auf Einstellungen zu Job, Führung und Karriere. Wie das Individuum mit solchen kulturellen Einflüssen umgeht, ist bisweilen eine andere Sache. Im Zweifelsfall lassen Sie als Teamführung also lieber eine Studie weg, die Sie lesen könnten, und studieren Sie Ihr eigenes Team.

Über den Autor: Christian Arno ist der Gründer von Lingo24, einem Übersetzungsunternehmen, das professionelle Übersetzungsdienste anbietet. Folge Christian auf Twitter unter @l24de.

1 Kommentar

  1. Ich bin begeisterte Bergwanderin und war auch schon auf dem Grat unterwegs. Gerne würde ich mal mit einem multinationalen Team wandern, es ist sicher eine spanndene Sache! Wo kann man sich für solche Touren anmelden?

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