Teamtraining – Ein Leben nach Säurefluss und Hochseilgarten?
Wie ein Teamtraining heute aussieht, wozu Übungen und unterschiedliche Metaphern dienen und was die Zukunft für Teamtrainings bringt, recherchierte Christine Wirl. In einer zweiteiligen Artikelserie erfahren Sie alles rund um das Bilden eines Teambewusstseins. Lesen Sie auch den zweiten Teil, der in den nächsten Tagen hier am Recruiting Club veröffentlicht wird, und erfahren Sie mehr zu “Grenzen eines Teamtrainings”, den Zukunftstrends und Beispielen von Teamübungen.
Was muss nicht alles für ein Teamtraining als Metapher herhalten? Von Hunden über Pferde bis zu Wölfen, von einfachen Übungen auf der grünen Wiese hinter dem Hotel bis zum Segeln auf Hochsee-Jachten reicht die Angebots-Palette. Vieles dient dazu, die Komfortzone des Menschen zu erweitern und ihn reif und bereit für Veränderungen zu machen. Schaut man ins Internet zum Thema Teamtraining, fallen die unzähligen jungen, sportlich durchtrainierten Anbieter auf, die jungen sportlichen Jungmanagern Teambewusstsein beibringen wollen. Ist das ein wirkungsvolles Teamtraining? Mag. Erich Kolenaty (Geschäftsführer Transformation Unternehmensentwicklung) provokant: „Ich meine, es spricht nichts dagegen, dass Leute zusammenkommen und miteinander eine Hetz haben oder spannende Erfahrungen machen. Wenn sich das jemand wünscht, ist das wunderbar, aber man darf sich nicht davon erwarten, dass damit besonders viel im wirklichen Leben anders wird.“
Und er hinterfragt sofort den Begriff des Teamtrainings: „Ich halte schon die Bezeichnung Teamtraining an und für sich für irreführend. Alles Wissen, das es braucht, um weiterzukommen, steckt schon im Team, ich bin als Trainer nur dabei behilflich, dieses Wissen freizulegen. Training im landläufigen Sinn würde ich das ganz gewiss nicht nennen. Ich gebe aber zu, dass Teamentwicklung und sogar Teambuilding nicht viel besser klingt. Am ehesten trifft es wohl Team-Findung. Team-Findung ist immer dann besonders wertvoll, wenn sich ein Team im Neubeginn oder im Umbruch befindet, wenn es sich festgefahren hat, wenn Diffusion herrscht über das Was, Wozu und Wie.“
Auch für Günther Mathé (Geschäftsführer careercenter) braucht ein Teamtraining nicht zwangsweise ein Incentive oder Event zu sein. „Für uns muss ein Teamtraining mindestens eine Übernachtung in einem externen Seminarhotel – oder welche Unterkunft auch immer – beinhalten, da der Socialising-Effekt abends für ein Teamtraining enorm wichtig ist.“
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Jährlicher Team-TÜV
Dipl.-Psych. Michaela Stark (Geschäftsführerin blaufeuer, Stark & Würth): „Bei disfunktionalen Routinen im Team kommt es häufig zu zeit- und nervenraubenden Konflikten. Und in genau solchen Situationen ist ein Teamtraining oder besser gesagt ein Teamentwicklungs-Workshop angesagt. So, wie man für seinen PKW jährlich einmal das Pickerl machen lässt, so sollte man gerade einen solch fragilen Sozialkörper wie ein Team einem jährlichen Team-TÜV unterziehen.“
Vor der Frage nach den Teamprozessen, die ein Teamtraining verbessern oder unterstützen kann, ist zunächst eine viel vorrangigere Frage zu stellen: Habe ich überhaupt ein Team? Horst Krieger (ipcenter. at): „Oder arbeiten hier lediglich einige Kollegen in einem Büro oder eben räumlich eng zusammen? Wir beobachten in den letzten Jahren, dass in der Personalarbeit starke Neigung besteht, von Projekten und Teams zu sprechen. Selbstverständlich ist nicht alles, was wir in unserem Arbeitsalltag tun, ein Projekt – und nicht immer arbeiten wir in Teams.” Mit Hilfe eines Teamtrainings haben die Unternehmen die Möglichkeit, die Mitarbeiter direkt in einen Prozess mit einzubinden, ein gemeinsames Ziel zu entwickeln bzw. ein neues Informationssystem zu schaffen.
Günther Mathé: „Teamtrainings werden klassischerweise auch bei Führungswechsel eingesetzt, zur Schaffung einer neuen offenen Feedback-Kultur, Steigerung des Vertrauens, zur Definition von einzelnen Aufgaben- und Verantwortungsbereichen bzw. zum Erkennen von Synergiepotenzialen. Teamtrainings werden gebucht, um Konflikte zu lösen oder auch um Konflikte ans Tageslicht zu bringen, an denen konkret gearbeitet werden kann.“
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Inhalte eines Team-Trainings
Gerade bei der Buchung eines Teamtrainings wird oft diskutiert, welche Inhalte dabei sein sollten. In der Regel berät sich der Trainer mit dem Auftraggeber und bespricht die Vorgehensweise, bzw. fährt der Auftraggeber gut damit, sich bestimmte Übungen und deren Sinn genauer erklären zu lassen.
Ein Teamtraining braucht selbstverständlich einen klaren Auftrag, ein klares Ziel, das auch den Teilnehmern mitgeteilt werden muss. Mag. Ulrich Brandmeier (Bereichsverantwortlicher Teamentwicklung/ building bei Mentor Consulting): „Damit muss es auch ein ausführliches Briefinggespräch mit den Verantwortlichen geben und je nach Zielsetzung eventuell auch mit dem Team oder Teilen des Teams. Es dürfen in jedem Fall nicht nur die Ziele der Führungskraft bearbeitet werden, sondern auch jene, die die Teilnehmer haben, da diese ja das Team bilden. Es muss klar gemacht werden, dass das Training nur weiterlebt – langfristige Verbesserungen/Veränderungen bringt – wenn Erarbeitetes in den Alltag integriert wird. Dazu braucht es oft To-Do-Listen und Verantwortliche, die den Prozess im Alltag weiter verfolgen und auch kontrollieren. Damit bleibt die Verantwortung auch beim Team. Wir als Trainer können nur einen Rahmen schaffen, Dinge anregen und initiieren, gehen muss den Weg das Team allein. Die Methoden sind sekundär und müssen nach den Zielen, der Gruppe (Alter, Geschlecht usw.) und den Vorerfahrungen ausgewählt werden.“
„Bewährt hat es sich, einen guten Mix an faktischer Arbeit und Erfahrungs- und Erlebnislernen zu haben“, sagt Patricia Staniek (Geschäftsführerin management pilots Unternehmensberatung). Sie hält es trotz guter Vorbereitung und klarer Absprachen mit den Unternehmen so, dass sie stets flexibel im Hinblick auf die vereinbarten Ziele agieren kann. „Ein Teamcoaching, das extern zugebucht wird, braucht vor allem kompetente Begleitung und keine Event-Animateure. Da muss man eine klare Unterscheidung treffen: Möchte ich Halligalli oder soll das Teamcoaching eine nachhaltige Wirkung bringen? Deshalb ist es notwendig, sich seine Begleiter genau anzuschauen und zu hinterfragen. Ich halte es für wichtig, Trainer zu wählen, die keine Angst haben, Konflikte aufzugreifen und zu bearbeiten. Denn ein Coach, der Angst vor Konflikten hat, wird den Kunden garantiert dabei unterstützen, diese Konflikte unter dem Teppich zu halten, anstatt sie zu klären.“
Alexander Wurz (International Consultant und Management Trainer Berlitz Austria) ist der Meinung, dass ein effizientes Teamtraining auf jeden Fall die Individualität jedes Teammitgliedes mit einbeziehen sollte. „Nur dadurch kann die Kommunikation wirklich verbessert werden. Hierfür sollten anerkannte und bewährte Online-Assessment-Tools eingesetzt werden, die bereits im Vorfeld von den Teilnehmern erstellt werden. Außerdem sollte es ein Teamtraining erlauben, die sonst zu stark eingesetzte rationale Ebene (linke Gehirnhälfte) in den Hintergrund zu stellen und die emotionale Ebene (die rechte Gehirnhälfte) der Teilnehmer anzusprechen.“
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Metapher verwenden?
Soll man mit dem Team auf das Segelboot gehen oder soll man ein Golfturnier veranstalten? Macht ein Teamtraining mit Pferden Sinn? Soll man gemeinsam kochen und danach ein Weinseminar mit dem Team durchziehen? Steigert so etwas den Effekt des Trainings, bringt es noch mehr Nutzen?
„Ich bin mit meinen Teilnehmern nie auf Bäume gestiegen“, meint Erich Kolenaty. »Ich habe schon immer die Dinge bevorzugt, die das normale Leben mit sich bringt. Stille, gute Gespräche, bei denen es um etwas geht und die inspirieren. Ich habe, wenn es die Aufgabe und die Umstände ermöglichen, immer wieder Elemente in meinen Workshops, wo die Menschen hinausgehen, zu sich kommen und Erkenntnisse schöpfen. Mit Outdoor im klassischen Sinn hat das wenig zu tun. Außer, dass die Leute halt vor der Tür sind. Ich versuche, die Menschen so nah wie möglich an ihrer Aufgabe und an ihrem Leben zu halten. So gehen ab und zu Fenster auf, und die Menschen machen ganz kleine, überraschende Erfahrungen, die sie auf andere Fährten bringen.“
„Extrathemen als Metaphern sind sicherlich eine gute Ergänzung, um die positiven Effekte eines klassischen Teamtrainings in der Dauer aufrecht zu erhalten“, sagt Horst Krieger. „Es ist wichtig, die Teammitglieder hin und wieder aus dem Alltagstrott herauszuholen, um auf der Beziehungsebene emotional weiter zu kommen“, weiß Alexander Wurz.
Ulrich Brandmeier meint, dass all diese Themen unterschiedliche Methoden sind, „die, wenn wir davon ausgehen, dass unterschiedliche Gruppen unterschiedliche Interessen haben, für das eine oder andere Team gut passen können. Durch die entsprechende Auswahl der Themen kann die Motivation und Vorfreude auf die Veranstaltung bei richtiger Wahl schon gesteigert werden. Je ausgefallener das Thema, desto mehr muss unserer Erfahrung nach das mit den Teilnehmern im Vorfeld abgestimmt werden. So kann eine Hüttenübernachtung im Lager für ein Team ein wunderbares Erlebnis sein, auf das sich alle freuen, eine andere Gruppe produziert solchen Widerstand, dass ein Teamtraining kaum mehr durchführbar ist. Ich glaube die wirkliche Frage ist: Wie kann ich diese Themen in mein Seminar gut und ziel-gerichtet einbauen und wie arbeite ich die Erlebnisse im Hinblick auf die Zielsetzung auf?“
„Mehrnutzen durch unterschiedliche Themen ist wahrscheinlich der falsche Ausdruck“, bemerkt Günther Mathé. „Viele Teams sind mit den Klassikern aus dem Seminarbereich bereits vertraut. Firmen, die viel Wert auf Personalentwicklung legen und auf Teamtrainings setzen, veranstalten mit ihren Teams jährlich oder alle zwei Jahre ein Teamtraining. Dafür braucht man immer neue Übungen und Themenbereiche. Auch wenn jede Übung mit anderen Leuten einen anderen Output mit sich bringt, ist nach dem fünften Mal jeder Säuresee und jedes Spinnennetz etwas monoton und langweilig. Ein klassisches Teamtraining ist für uns eine gute Mischung aus Know-how-Inputs, erlebnispädagogischen Teamübungen (outdoor und indoor) und einem Workshop zu einer der neuen Themen wie Bewegung, Ernährung, Kochen, Orientierungswanderung, Weinseminar etc.“
„Es gibt doch dieses Zitat, dass die wahren Erlebnisse zwischen den Ohren zu finden sind“, meint Bettina Gregor (Trainerin bei BTC Weiterbildung): „Natürlich kann ein Teamtraining auf einem Segelschiff eine einzigartige Erfahrung sein. Da spielen die Naturerlebnisse und das Außergewöhnliche der Situation eine Rolle. Aber für viele Menschen ist es auch auf- und anregend, mit sich, seinem Verhalten und dem Feedback der anderen konfrontiert zu sein. Ein Teamtraining muss nicht weniger wirkungsvoll sein, nur weil es auf leiseren Sohlen kommt. Die Erfahrung zeigt, dass es ohnedies sinnvoll ist, sich auf wenige Übungen zu konzentrieren und diese dafür sehr präzise, mit Tiefgang und erhellender Reflexion durchzuführen.“
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Der Nutzen eines Teamtrainings
Teamtrainings, Teamworkshops, Teamfindungsprozesse, wie immer man diese Art von Trainings auch bezeichnet, Tatsache ist, sie bringen viel, rauben aber auch jede Menge zeitlicher und finanzieller Ressourcen. Mehrere Mitarbeiter sind zugleich vom Unternehmen weg, es kostet das Training, es kostet die Unterbringung der Mitarbeiter in einem Hotel und es kostet der Trainer. Es soll kein „Goodie“ sein für brave Mitarbeiter, so quasi als Belohnung für gute Umsätze und tollen Einsatz, sondern es soll wirklich eine sichtbare und messbare Verbesserung bringen.
Michaela Stark vergleicht es mit dem Frühlingsputz: „Passend zur Jahreszeit ist der größte Nutzen mit dem klassischen Frühlingsputz gleichzusetzen, d. h. in den verstaubten Ecken und Winkeln zu kramen und das Team von Altlasten zu befreien. Diese entlastende Ventilfunktion setzt häufig wieder eine wesentlich größere Leistungsbereitschaft und Motivation frei und das macht sich letztendlich bezahlt.“
Bettina Gregor: „Das Zusammenarbeiten wird wieder viel bewusster, dadurch kommt es zu mehr gegenseitiger Unterstützung, mehr wertschätzender Anerkennung, mehr Anteilnahme, mehr Verständnis und weniger Reibungsverlusten. Oftmals können damit auch bisher unerkannte Irritationen beseitigt werden. Wenn man für mehr als eine Person Bedarf an Verhaltens- oder kommunikativen Themen zu trainieren hat, dann kann man das ganze Team trainieren und zwei Ziele gleichzeitig erreichen.“ Und sie sagt einen wichtigen Satz an die Adresse der Führungskräfte: „Die Führungskraft sollte beim Training natürlich mit dabei sein. Aufträge im Sinne ‘hier ist mein Team. Bitte machen Sie mal’ funktionieren nicht.“
„Ich halte es inzwischen für einen völligen Irrweg, wenn man versucht, Wir-Gefühl, Teamspirit oder wie immer man das nennen mag, direkt zu erzeugen, indem man Menschen durch gemeinsame, außergewöhnliche Erfahrungen zusammenschweißen will“, sagt Erich Kolenaty. „Teamspirit ist etwas sehr Zartes und gleichzeitig sehr Kraftvolles. Teamspirit lässt sich jedenfalls nicht herbei trainieren, sondern entsteht von selber, wenn die Umstände es ermöglichen und die Zeit reif ist. Ich habe dutzende Male die Menschen am Schluss sagen gehört: ‘Wir sind ein tolles Team geworden, ich fühle mich so wohl in diesem Team’, aber die Worte Team, Teambuilding usw. sind die ganze Zeit nicht vorgekommen, die Leute haben das ganz von alleine hingekriegt.“
Ein Teamtraining – richtig gemacht – führt zu mehr Klarheit der Aufgabenstellung, zu höherem Commitment, mehr Engagement und höherer Loyalität bei Teammitgliedern. Horst Krieger sieht im Teamtraining auch eine Möglichkeit zur Burnout-Prävention: „Man arbeitet motivierter, ist eher füreinander da, als dies in einer Welt von Einzelkämpfern der Fall ist. Dies alles sind Faktoren, welche die Effizienz von Prozessen steigern und damit direkt zum Unternehmenserfolg beitragen. Darüber hinaus steigt auch die Arbeitszufriedenheit bei den Teammitgliedern – man kann das durchaus als einen Beitrag zur Burnout-Prävention sehen.“
Bei diesem Blogbeitrag handelt es sich um den ersten Teil des Artikels „Teamtraining – Ein Leben nach Säurefluss und Hochseilgarten?“ aus dem Magazin Training. Den kompletten Artikel finden Sie in der Ausgabe 3 vom Mai 2011.
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