De Hoop: Von Teamtrainings zu Teamtrommeln
Bewegt sich Ihr Unternehmen im richtigen Takt und haben Sie die richtigen Instrumente für das perfekte Zusammenspiel gefunden? Wenn sie es nicht wissen, dann hat der niederländische EnterT®ainer Richard de Hoop die Antworten auf diese Fragen. Er vergleicht nämlich das Zusammenspiel eines Arbeitsteams mit dem Funktionieren eines Orchesters und hat für jeden Charakter eine Zuschreibung zu einem Instrument kreiert. In einem Interview hat er dem Recruiting Club Fragen über Trommeln, Dirigenten und Solomusiker beantwortet.
Musik – Das ist das Schlagwort, um das sich ihr komplettes Konzept in Sachen Teambuilding dreht. Können Sie für uns in einem einzigen Satz zusammenfassen, was Musik für Sie persönlich bedeutet?
Musik ist für mich alles. Sie ist Leidenschaft, Lebensmotor, sie bewegt mich, sie treibt mich positiv an und macht mich kurz gesagt glücklich. Weil ich so sehr von der Macht und Magie der Musik überzeugt bin, nutze ich sie auch in meinen Vorträgen und Trainings als Metapher und als eine unerschöpfliche Inspirationsquelle für Businessthemen und erfolgreiche Zusammenarbeit.
Wieso vergleichen Sie ein Arbeitsteam mit einem Musikorchester und ganz provokant gefragt, nicht etwa mit einer Fußballmannschaft? Wie sind Sie auf diese Deutungsweise gekommen?
Beim Fußball geht es um 11 Männer (oder Frauen) und um gewinnen und verlieren. Im Fußball haben wir es an sich mit Konkurrenz und hartem Wettkampf zu tun. Ich denke, dass es in unserer Gesellschaft und in den Unternehmen von heute um noch viel mehr geht. Und Musik war, ist und bleibt für mich auch ein Spiegel unserer Gesellschaft. Auf die Deutungsweise Musik bin ich bereits Anfang der 90er Jahre gekommen. Ich war damals Unternehmer und Inhaber eines Beratungsunternehmens mit Fokus auf dem Training von Teams. In diesem Zusammenhang bin ich auf die wissenschaftliche Arbeit von Dr. Meredith Belbin gestoßen. Er hat einen der wichtigsten Erfolgsfaktoren in der Teamarbeit entdeckt. Nämlich die Dynamik zwischen den verschiedenen Charakteren der Teammitglieder. Belbin benutzt für seine acht Charakterrollen Namen wie Shaper und Plant. Er war selbst auch nie so ganz zufrieden mit diesen Namen. Ich habe mich damals viel mit Franck van der Heijden (der heutige musikalische Direktor von David Garrett) darüber unterhalten und plötzlich war ganz klar, dass Instrumente der perfekte Ansatz sind. Das schöne an den Instrumenten ist, man sieht durch ihre speziellen Eigenschaften und Formen sofort ganz klar die Unterschiede, aber je nachdem, wie man sie einsetzt, klingen sie anders und können eine riesige Bandbreite an Sinfonien und Stücken spielen. So ist es auch mit den Teammitgliedern, die haben alle unterschiedliche Charaktere, aber wenn sie einander zuhören, sich erkennen, sich auf einander abstimmen, dann können sie vollkommen harmonisch und vor allem freudig zusammenspielen. Und dann erreichen wir wirklich erfolgreiche Teamarbeit.
Teambuilding ist heute wichtiger denn je, welche Bedeutung würden Sie ihm im heutigen Arbeitsmarkt aber genau beimessen?
Unsere (Business)Gesellschaft wird immer komplexer und die Herausforderungen, denen wir gegenüberstehen, immer größer. Ich finde, es ist naiv, zu glauben, dass wir ohne wirklich effiziente Zusammenarbeit in der Lage sind, nachhaltige Lösungen zu finden. Also die Kompetenz, gut und harmonisch zusammen zu arbeiten, wird immer mehr an Bedeutung gewinnen. Darum haben wir in Holland mit ein paar Unternehmern das Projekt „Belbin4kids“ gestartet. Wir wollen Lehrer ausbilden, um Jugendliche ab 16 Jahren bereits ihre Instrumenten-Eigenschaften entdecken zu lassen und ihnen passende Übungen mitzugeben. Dadurch können diese jungen Menschen viel besser ihre natürlichen Fähigkeiten, die sie mitbringen, verstehen, lernen, diese zielorientiert einzusetzen und dadurch Virtuosen auf ihren Instrumenten zu werden. Genau diese virtuosen Teamplayer benötigen wir für die Zukunft!
Immer wieder gibt es auch Einzelkämpfer, die sich grundsätzlich nicht so gerne in Gruppen eingliedern, dann aber doch den Weg ins Arbeitsteam schaffen. Welche Tipps zur Zusammenführung bzw. zur Problembewältigung kann man hier einsetzen? Gibt es auch ein Musikinstrument, das den Einzelkämpfer darstellt?
Ich glaube eher nicht an geborene Einzelkämpfer. Ich glaube, dass die meisten Menschen gar keine richtigen Einzelkämpfer sind, sondern eher enttäuscht von früheren Teamerfahrungen. Wenn diese Menschen dann in das richtige Team kommen, das sie stützt und befruchtet, können sie sehr wohl gute und glückliche Teamplayer sein. Das Instrument, das man oft als Einzelkämpfer bezeichnet, ist die Trommel. Trommeln sind aktiver, motivierter als andere und agieren als handlungsorientierte Tempomacher. Dabei sind sie auch schnell frustriert und sehr ungeduldig. Steve Jobs z. B. war neben seinen ausgeprägten Gitarreneigenschaften wie Kreativität auch eine echte Trommel. Sein Ausscheiden aus Apple 1985 ist sicher auf die manchmal harschen und zu sehr fordernden Trommeleigenschaften zurückzuführen. In seiner NeXt und Pixar Zeit hat er dann gelernt, diese Trommel-Eigenschaften besser zu kanalisieren und hat auch dadurch die Erfolge erzielen können, für die er heute legendär ist . Mein Tipp an alle: Finden Sie Ihre Haupt-Instrumente heraus – mit meinem Orchestertest - und arbeiten Sie dann aktiv an Ihren Stärken. Dann sind Sie jederzeit in der Lage, alle Stücke in verschiedenen Orchestern, unter verschieden Umständen zu spielen. Während meiner Workshops und Vorträge zeige ich den Menschen genauer, wie sie Ihre natürlichen Instrumenten-Eigenschaften stärken können.
In neuen Szenarien für den Arbeitsmarkt wird oft von der „Generation Z“ gesprochen, die sich bald auf Jobsuche begibt. Sie ist eher auf sich fokussiert und an der alleinigen Lösung der Probleme interessiert. Was passiert, wenn diese Generation vollständig in den Arbeitsmarkt integriert sein wird. Verändert sich das Musikorchester dann zu einem Solokonzert?
Es wird sicherlich neue Formen von Orchestern und Musik geben in der Zukunft. Abhängig vom Ziel gab es schon immer verschiedene Formen von Orchestern. Unternehmen müssen sich noch mehr als bisher aktiv um eine bestmögliche Zusammensetzung ihrer Teams kümmern. Das bedeutet, sie bewusst so zusammenzustellen, dass alle Stärken optimal zum Einsatz kommen und alle Schwächen der Teammitglieder untereinander aufgefangen werden. Was die Generation Z angeht, sind wir mit Belbin4kids völlig dabei. Was dabei wichtig ist, zu wissen: Die Instrumente, d. h. die Charaktere der Menschen, ändern sich nicht. Was sich hingegen ändert, ist die Musik, die wir spielen. Aber genau hier kommt auch wieder meine vorige Aussage ins Spiel, dass virtuose Orchesterspieler, die ihre Instrumente beherrschen, eben jede Musik spielen können. Bezogen auf die Generation Z bedeutet das, dass diese sich für Unternehmen entscheiden wird, die ihre „Lieblingsmusik“ spielen, mit denen sie sich also ganz identifizieren können. Mir fällt auf, dass die jungen Leute heutzutage sehr gerne an sich selber arbeiten, aber sehr viele Ablenkungen erfahren. Es ist auch sehr schwierig, fokussiert zu bleiben, wenn man Fernsehen schaut, Facebookt, Pingt, Twittert und auch noch Hausaufgaben gleichzeitig machen will. Trotzdem ist die Generation Z selbstständig und zeigt viele Initiativen, wobei es in der Umsetzung auch hier immer wieder um die bestmögliche Zusammenarbeit geht.
Wer zeigt, dass ihm der Beruf und die Tätigkeit Spaß macht und seine Augen leuchten lässt, ist auch erfolgreicher. Bei der Gesamtheit Ihrer Teamtrainings, die Sie bereits durchgeführt haben: Hatten Sie das Gefühl, dass sich die Mehrheit der Arbeitnehmer in ihrem Beruf wohlfühlt oder eher dass das Gegenteil der Fall ist?
Hier sind immer zwei Ebenen zu berücksichtigen. Der Kopf und das Herz. Stellen Sie sich mal vor: Sie spielen in einem Orchester, das zwar definitiv nicht Ihre Lieblingsmusik spielt und leider auch nicht mit Musikern, die zu Ihnen passen und die sich gegenseitig nicht so richtig wertschätzen. Aber, Sie bekommen jeden Monat ein sehr gutes Gehalt. Der Kopf sagt dann sicher: Ja, aber Ihr Herz sagt nicht „von Herzen“ Ja. Die meisten Menschen lassen dann vernunftbegründet ihren Kopf Regie führen und bleiben in diesen Jobs. In unserem Teameffektivitätsmodell geben wir den Teilnehmern Instrumente an die Hand, damit sie selber die Regie führen. Dabei fangen die meisten Augen wirklich zu leuchten an! Es bedarf Mut, um Kopf und Herz in die Balance zu bringen und etwaige Komfortzonen zu verlassen. Hat Seal nicht gesungen: „In a sky full of people only some want to fly, isn’t that crazy?”
So wie ein Orchester meist aus multinationalen und unterschiedlich alten MusikerInnen besteht, ist Diversität auch in Unternehmen ein immer wichtigeres Thema. Zudem sind die einzelnen Mitglieder in Unternehmen immer leichter substituierbar. Wie kann man dann dafür sorgen, dass Harmonie und Zusammenspiel trotzdem gegeben sind?
Das Thema Vielfalt spielt eine wichtige Rolle in meiner Arbeit. Ich meine damit die Vielfalt der Charaktere. Ich arbeite mit acht verschiedenen Instrumenten. Als Mensch sagen zwei bis drei dieser Instrumente etwas aus über meinen eigenen Charakter. Diese Vielfalt, so hat Belbin bewiesen und u.a. wir in der Praxis, ist notwendig für erfolgreiche Teamarbeit. Je komplexer die Aufgabe, desto wichtiger ist es, alle verfügbaren Instrumente an Bord zu haben. Abhängig von den zu erreichenden Zielen muss man dann immer wieder die richtige Kombination von Instrumenten, Fertigkeiten, Erfahrungen und Ambitionen zusammen schmieden. Die Art der Musik und der Umfang des Orchesters wird sich immer ändern aber die Instrumente – die Menschen und ihre Charaktere – wird es immer geben.
Werden sich auf Grund zukünftiger Veränderungen auch die Arbeitsteams anpassen müssen und um ganz neue Mitarbeitertypen ergänzt? Wird dann ein weiteres Instrument notwendig sein, um die einzelnen Typen zu charakterisieren?
Die Arbeitsteams werden sich auf jeden Fall verändern und anpassen müssen. Schon allein durch den weiteren technischen Fortschritt, den wir erleben dürfen. Es gibt ja jetzt schon immer mehr internationale und virtuelle Teams mit ihren ganz speziellen Herausforderungen. Aber was auch immer noch auf uns zukommt, wichtig sind die Charaktere, also die Instrumente. Die bleiben auf jeden Fall gleich und müssen ihr gemeinsames Spiel an kommende Gegebenheiten anpassen. Dr. Belbin hat selber ein par Jahren nach seinen Untersuchungen noch ein neues Instrument entdeckt. Nämlich den Spezialisten. Also jemand, der über unheimlich großes Wissen auf einem kleinen Gebiet verfügt. Das ist tatsächlich eine neue Teamrolle, zwar nicht vom Charakter her, aber betreffend sein spezifisches Fachwissen, das in einem bestimmten Moment wichtig ist für das Team. Insofern kann durchaus neue Instrumente geben in der Zukunft. Denn, wie gesagt, die Musik ist ein Spiegel unsere Gesellschaft. Und wenn die sich ändert, ändert sich die Musik mit. Denn gute und harmonische Orchester sind immer im Zeitgeist und können alles spielen.
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