Auswahl von Bewerbungsunterlagen

Im derzeitigen Projekt führe ich zur Abwechslung wieder mal sehr viele Bewerbungsgespräche. Das ist ehrlicherweise die angenehmere Aufgabenstellung als einen Mitarbeiterabbau durchzuführen. Ich hab keine Ahnung, wie viele Lebensläufe ich bereits in meinem Leben in der Hand hatte. Hochgerechnet dürfte ich wohl über 4.500 Interviews geführt haben, entsprechend viele Lebensläufe hatte ich schon in der Hand.

Bei meinem jetzigen Auftraggeber hatte ich wieder mal ein Schlüsselerlebnis. Ich leitete alle Bewerbungen ungefiltert an die Führungskraft weiter, weil es mich interessierte, welche Kandidaten er für eine erste Runde auswählen würde.

Wie meist war ich sehr überrascht, wie meist war ich von der Begründung noch mehr überrascht. Es ist erstaunlich, wie unterschiedlich Führungskräfte bewerten.

Der eine legt auf eine lückenlose Beschäftigung seit 20 Jahren wert. Ganz ehrlich: ich glaube, dass die wenigstens wirklich eine lückenlose Beschäftigung haben – ist doch alles eine Frage der Darstellung! Davon aber mal abgesehen: Lücken sind doch ok, oder? Man weiß ja nicht, was dahintersteckt…

Der nächste betrachtete lange das Foto eines Bewerbers und schloss bereits daraus, dass die Person eine sehr ruhige und ausgleichende Persönlichkeit hat.

Dann gab es eine Interpretation über die Wechselmotive des Kandidaten – wohlgemerkt nur aufgrund der schriftlichen Unterlagen, die keinen Hinweis über die Motive beinhalteten. Die Aussagen erinnerten mich an den berühmt-berüchtigten Blick in die Kristallkugel.

Die Liste läßt sich noch lange weiterführen! Doch zurück zu dieser einen Führungskraft. Er wollte unbedingt einen Kandidaten sehen, da dieser vom Mitbewerber zu kommen scheint. Aufgrund der Unterlagen hätte ich den Kandidaten nicht eingeladen, doch ich oute mich: mir sagte dieses Unternehmen nichts, aber ich zähle mich ja auch nicht zu den Insidern dieser engen Branche. Der Neugierde halber warf ich einen Blick auf die Homepage des genannten Arbeitgebers.

Die Homepage verriet mir auf den ersten Blick nichts, außer das es ein kleines Unternehmen in Österreich ist. Aber es war spätabends, ich war müde und ich dachte mir, die Führungskraft werde schon wissen, wovon sie spricht.

Die Überraschung kam beim Interview. Bereits in den ersten Minuten zeigte meine Stirn ein großes Fragezeichen. Dieser Bewerber soll tatsächlich vom Mitbewerber kommen? Ich mahnte mich selbst zu Geduld, so weit waren wir doch noch gar nicht im Interview.

Ca. 20 Minuten später: Nein, der Kandidat war nicht vom Mitbewerber – es handelte sich nur um eine Namensgleichheit auf den ersten Blick!

Fazit für mich: Hinterfrage die Begründungen der Führungskräfte doppelt und dreifach!

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